Stadt: Stadtentwicklung und Stadtgesellschaft im Mittelalter

Stadt: Stadtentwicklung und Stadtgesellschaft im Mittelalter
Stadt: Stadtentwicklung und Stadtgesellschaft im Mittelalter
 
Ein Leben ohne urbane Strukturen können wir uns heute kaum mehr vorstellen. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind längst verwischt. Auch unsere Dörfer haben heute gepflasterte Straßen, die Lebensbedingungen sind hier nicht grundsätzlich anders als in der Stadt, wenngleich man in der »Provinz« auf manche kulturellen Annehmlichkeiten der Stadt noch immer verzichten muss. Aber überall gilt dasselbe Recht, und auf dem Lande ist das Leben heute sogar eher sicherer als in der Stadt. Ohne dass es uns ständig bewusst wäre: Die europäische Stadt ist das Modell, nach dem sich unsere Zivilisation geformt hat. Und diese Stadt ist ein Kind des Mittelalters.
 
Natürlich gab es im Süden und Westen Europas Städte seit der Römerzeit. In Deutschland waren dies die alten Bischofsstädte wie Köln, Mainz, Trier, Worms, Speyer, Straßburg, Basel; dichtere Stadtlandschaften bestanden in der Lombardei, im mittleren Frankreich zwischen Seine und Loire, in Nordfrankreich und in Flandern. »Stadt« bedeutete aber nur, dass hier mehr Menschen auf engerem Raum zusammenlebten als in ländlichen Siedlungen. Die römische Infrastruktur war kaum noch intakt. Die antiken Mauern lagen lose wie ein zu weiter Gürtel um die geschrumpfte mittelalterliche Stadt, verfielen oder wurden abgetragen, die Steine für den Kirchenbau genutzt oder für die wenigen Steinhäuser in der Stadt. Unser Bild von der mittelalterlichen Stadt mit ihren Mauern und Türmen, den geschäftigen Gassen und Plätzen, den Patrizierhäusern und Palästen war um die Jahrtausendwende allenfalls in schwachen Konturen vorgezeichnet.
 
 Städte erheben sich gegen ihre Herren
 
Die mittelalterliche Stadt mit ihren spezifischen Rechten und Freiheiten ist das Produkt langfristiger Gärungsprozesse über gut zwei Jahrhunderte und mit erheblichen regionalen Unterschieden. Allerdings konnten einzelne Ereignisse in einer Stadt für sich genommen wie plötzliche Eruptionen erscheinen, die von den Chronisten oft mit Empörung und Unverständnis wahrgenommen wurden. Haltlosigkeit des Pöbels und niedere Rachsucht sah Lampert von Hersfeld am Werk, als die Kölner sich in der Osterwoche 1074 gegen ihren Erzbischof erhoben. Um seinen Amtsbruder, den Bischof von Münster, der mit ihm das Osterfest gefeiert hatte, standesgemäß nach Hause zu geleiten, ließ der Erzbischof Anno von Köln das Schiff eines reichen Kölner Kaufmanns requirieren und die Fracht kurzerhand von Bord nehmen. Der Sohn des Kaufmanns und andere junge Männer vertrieben die Diener des Erzbischofs vom Schiff, und als der Stadtvogt mit Bewaffneten anrückte, jagten sie auch diese davon. Der Erzbischof drohte mit hohen Strafen. Nun eskalierte der Konflikt zu einem allgemeinen Aufruhr, der die gesamte Kölner Bevölkerung mitriss und die Stadt drei Tage lang in fürchterliche Gewaltexzesse stürzte. Der bischöfliche Palast wurde geplündert, ein Mann, den man fälschlich für den Erzbischof hielt, von der aufgebrachten Menge erschlagen. Anno selbst entkam nur knapp dem Tode, indem er bei Nacht und Nebel aus seiner Stadt floh.
 
Die Kölner Ereignisse stehen nicht vereinzelt. Nur wenige Monate zuvor, im Dezember 1073, hatten die Wormser Bürger ebenfalls ihren bischöflichen Stadtherrn vertrieben, um König Heinrich IV., der von einer mächtigen Fürstenopposition bedrängt und auf jeden Verbündeten angewiesen war, ihre Stadt zu öffnen. 1077 nutzten die Bürger von Cambrai die Abwesenheit ihres Bischofs, um sich zu einer Schwurgemeinschaft zusammenzuschließen und unter Eid zu verpflichten, dem Bischof die Rückkehr in die Stadt zu verwehren, falls er ihre »Kommune« nicht anerkenne. Mit dem Kampfruf »Kommune, Kommune!« stürmte im April 1112 eine Volksmenge den bischöflichen Palast in Laon; der Bischof wurde ermordet, seine Leiche blieb nackt und mit zertrümmertem Schädel auf der Straße liegen. Zu gewaltsamen Kommunebildungen kam es am Ende des 11. und zu Beginn des 12. Jahrhunderts auch in Le Mans, Beauvais, Noyon, Amiens, Brügge, Gent und war es schon 1031 in Cremona, 1045 in Mailand gekommen.
 
 Kommunale Bewegung
 
So verschieden die Anlässe, so unterschiedlich die Konflikte in ihrer Intensität und Wirkung waren, so deutlich ist doch ihre gemeinsame Stoßrichtung zu erkennen und das weitgehend übereinstimmende Profil der Konfliktparteien. Es waren ja nicht die sozial Schwachen, die sich in spontanen Verzweiflungsrevolten gegen ihre Stadtherren erhoben. Die blindwütigen Haufen, die mancherorts brennend und mordend durch die Straßen zogen, verzerren das Bild; sie waren instrumentalisiert von Interessen und Initiativen, die ganz woanders lagen. Was sich in den Bischofsstädten Oberitaliens, Nordfrankreichs und des Rheinlandes so machtvoll regte — und bezeichnenderweise gerade hier, in den blühendsten Stadtlandschaften —, waren neue soziale Kräfte, die mit politischem Durchsetzungswillen, wirtschaftlicher Potenz und meist mit einem überlegten rechtlichen Konzept an den bestehenden herrschaftlichen Strukturen rüttelten. Die Kaufleute, denen die Städte — und folglich die Stadtherren — Macht und Reichtum verdankten, waren in eine Stellung aufgestiegen, in der sie grundherrliche Abhängigkeiten nicht länger zu akzeptieren bereit waren. Ein Stadtherr wie Anno von Köln konnte nicht mehr nach Herrenart und mit Berufung auf altes Herrenrecht Kaufmannseigentum für sich beschlagnahmen, ohne Widerstand zu provozieren. Wirtschaftliches Gewicht und gesellschaftliches Ansehen hatten den Kaufmann längst selbst in eine Herrenrolle gestellt, freilich ohne ihm — und genau darum ging es — eine seinem Sozialstatus angemessene Rechtsstellung zuzubilligen.
 
«Kommune« hieß das Reizwort der Zeit. Für die einen war sie Ideal und Kampfparole — wie 1112 in Laon —, für die anderen ein »neumodisches, scheußliches Wort«, das doch nur bedeute, dass »sich die Knechte gegen Recht und Pflicht gewaltsam dem Herrenrecht entziehen« (Abt Guibert von Nogent). Sie spürten die Vitalität der neuen Bewegung, missverstanden aber deren soziale Ursachen und langfristige Formkraft. Die Chronisten berichten mit Vorliebe von den Kämpfen, die mit spektakulärem Pathos und blutiger Gewalt ausgetragen wurden. Wo Stadtherren die Zeichen der Zeit früh erkannten und von sich aus Zugeständnisse machten, bevor Konflikte offen ausbrachen, schweigen unsere Quellen. Auch solcher friedliche Umbau gehört in die »kommunale Bewegung«, die im 11. und 12. Jahrhundert die Städte Europas umgestaltete. Indem städtische Eliten sich politisch artikulierten, durch Schwurverband eine rechtliche Form gaben und aus herrschaftlichen Bindungen zu lösen begannen, wenn auch nicht überall und sofort mit dem erhofften Erfolg, bereiteten sie den Boden für das europäische Bürgertum.
 
 Stadt und Land
 
Ob die Kölner schon 1074 eine Kommune bildeten, ist fraglich. Lampert von Hersfeld, der über den Aufstand ausführlich berichtet, weiß nichts von einem Eid. Im Übrigen macht er keinen Hehl daraus, dass er die Kölner nicht mag. »Von Jugend auf in den Genüssen des Stadtlebens aufgewachsen«, schwadronieren sie »bei Wein und Schmaus« von Kriegstaten und haben doch keine Ahnung. Wie anders dagegen die Leute vom Lande: Sie stellen sich tapfer und ohne aufgesetztes Getue an die Seite ihres vertriebenen Bischofs, »Schafe für den Hirten, Söhne für den Vater«; sie wissen, was Recht ist, und auch, wenn es darauf ankommt, das Recht durchzusetzen.
 
Schon im 11. Jahrhundert — kaum dass die Stadt ihren eigenen Platz in der sozialen Topographie eingenommen hat — klingen die bis weit in die Neuzeit vertrauten Stereotypen an: hier der Landbewohner, der Bauer, Mönch oder niederadlige Herr, der voll Neid und Argwohn, allenfalls mit dem Gefühl unverbildeter Rechtschaffenheit auf die Stadtmenschen blickt, deren Dünkel ihm zuwider ist, deren Geschäfte ihm dubios erscheinen; dort der Städter, der die vom Lande spüren lässt, wofür er sie hält, für »Provinzler« eben, ohne Bildung und feine Lebensart und ärmlich. Der Bericht des Hersfelder Mönchs über den Kölner Aufstand von 1074 ist ein frühes, im mittelalterlichen Europa vielleicht das früheste Zeugnis für die mentale Differenzierung zwischen Stadt und Land und die divergierenden Identitäten ihrer Bewohner.
 
 Kaufleute prägen die Stadt
 
Die Kaufleute formierten sich mit Beteiligung des Stadtherrn oder gegen ihn zur sozialen Führungsschicht und bestimmten das Klima und den Charakter der Stadt, lange bevor die gewerblichen Zünfte auf das städtische Leben Einfluss nehmen konnten. Das Milieu des Kaufmanns, der Markt und der Handel wurden zu Wesensmerkmalen der Stadt, die sich dadurch funktional vom Umland abhob, zugleich aber auch zum Anziehungs- und Mittelpunkt für das umliegende Land wurde. Wo es alte Städte nicht gab, die Marktfunktionen hätten übernehmen können, entstan- den neue Märkte, so insbesondere in Deutschland östlich des Rheins, wohin das römerzeitliche Städtenetz nicht reichte, und mit fortschreitendem Landesausbau auch jenseits der Elbe. Zahlreiche Städte, die im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts Gestalt angenommen haben, hatten im 11. Jahrhundert in einer Marktsiedlung ihre Keimzelle.
 
Die Fürsten haben dieser Entwicklung nicht teilnahmslos zugesehen. »Ich habe an dem Ort, der mein Eigengut ist, einen Markt gegründet im Jahre des Herrn 1120«, verkündete Konrad von Zähringen. Er habe von überall angesehene Kaufleute angeworben und ihnen Grundstücke zugeteilt, damit sie sich ansiedelten. Allen Marktbesuchern sagt er Geleitschutz zu, die niedergelassenen Kaufleute sollen von allen Zöllen und Steuern befreit sein. Die Bürger dürfen ihren Besitz frei vererben oder veräußern sowie den Vogt und den Priester durch eigene Wahl bestimmen. Streitfälle sind nicht nach Gutdünken des Marktherrn, sondern nach anerkanntem Kaufmannsrecht zu entscheiden. Die Bürger sind auch nicht verpflichtet, ihren Herrn zu beherbergen oder zu beköstigen.
 
Was der Zähringer einen »Markt« nannte und mit Rechten großzügig ausstattete, war tatsächlich auf dem besten Weg zur Stadt: Freiburg im Breisgau. Die Interessen sind klar: Am Beginn des 12. Jahrhunderts konnte eine Stadt bereits ein lukratives Unternehmen sein; der Stadtgründer und Marktherr profitierte von den Einnahmen des prosperierenden Ortes. Damit aber eine Stadt als Handelsort florieren konnte und Kaufleute anzog, bedurfte es außer einer günstigen Verkehrslage und dem Schutz eines mächtigen Herrn — sozusagen als Vorleistung des Gründers — der rechtlichen Begünstigung ihrer ansässigen Kaufleute und Bürger. Gerade die neu gegründeten Städte lockten mit Rechtsvorteilen, um gegenüber den alten Städten mit ihren gewachsenen Kaufleuteeliten und Marktanteilen konkurrenzfähig zu sein. »Stadtluft macht frei« — nicht im Sinne einer modernen individuellen Freiheit (dies wäre eine gänzlich »unmittelalterliche« Vorstellung), sondern frei von grundherrlichen Abhängigkeiten. Die Bürger einer Stadt sind nicht alle gleich, aber sie genießen das gleiche Recht, Eigentum zu erwerben und zu vererben, Freiheit von grundherrlichen Ehebeschränkungen, Schutz und Frieden der Stadtgemeinde. Wem es gelang, sich aus grundherrschaftlicher Bindung zu befreien und unbehelligt durch den Grundherrn in der Stadt zu leben, der konnte »nach Jahr und Tag« als Bürger in den Rechtsverband der Stadt aufgenommen werden. Während im 11. und 12. Jahrhundert die ländlichen Grundherrschaften sich aufzulösen oder umzuformen begannen und Menschen in großer Zahl aus ihren rechtlichen und sozialen Bindungen entließen, wirkte die Stadtluft wie ein Sog. Nicht dass die Stadt gesellschaftlichen Aufstieg hätte garantieren können; aber sie bildete einen besonderen Rechtsraum, in dem mehr als irgendwo sonst soziale Mobilität und individuelles Glücksstreben möglich waren.
 
 Alte und neue StädteGröße der Städte
 
Freiburg im Breisgau steht am Anfang eines Stadtentwicklungsbooms, der seit dem 12. Jahrhundert die Städtelandschaft Europas geradezu explosionsartig erweiterte. Rechnet man um 1150 in Mitteleuropa zwischen Brügge und Wien, Schleswig und Genf mit etwa 200 Städten, so gab es hier hundert Jahre später rund 1500 Städte; bis zum Ende des Mittelalters wuchs die Zahl auf etwa 5000 Städte an. Freilich waren die wenigsten davon wirkliche Neugründungen, unter ihnen immerhin so erfolgreiche wie Lübeck (1143/1159), München (1158) und Leipzig (um 1165). Vielmehr waren es meist ältere Siedlungen an einer Burg oder einer Abtei, die nach jahrhundertelanger Vorlaufzeit durch den sukzessiven Erwerb von Markt-, Münz-, Zoll- und Befestigungsrechten (Stadtmauer) im 13. oder 14. Jahrhundert städtische Qualität erlangt hatten und sich jetzt selbstbewusst civitas — »Stadt« — nannten, wie früher nur die altehrwürdigen Bischofsstädte.
 
Der weitaus größte Teil der mittelalterlichen Städte, mindestens zwei Drittel, waren Kleinstädte mit weniger als 2000 Einwohnern. Selbst die »Großstädte« mit über 10000 Einwohnern auf mindestens 100ha ummauerter und bebauter Fläche waren nach modernen Maßstäben zumeist beschauliche Städtchen. In Deutschland gab es im späten Mittelalter vielleicht 15 Großstädte. Von ihnen hatten manche wie Straßburg, Nürnberg, Wien und Lübeck mehr als 20000, Köln, schon im 12. Jahrhundert die größte deutsche Stadt, nahezu 40000 Einwohner. Die deutschen Städte lagen damit weit hinter den italienischen Metropolen Venedig, Mailand, Genua, Florenz und Neapel mit 60000 bis 100000 Einwohnern. Nördlich der Alpen war Paris die bevölkerungsreichste Stadt (80000 Einwohner um 1300). Erst mit beträchtlichem Abstand folgten Brügge, Gent (50000—60000 Einwohner) und selbst London (30000 Einwohner), der »kosmopolitische Treffpunkt des Spätmittelalters« (Edith Ennen). Im 15. Jahrhundert lebte fast ein Viertel aller Menschen in Europa in Städten, in den Ballungsräumen Flanderns, Brabants und der Lombardei sogar erheblich mehr. An der Schwelle zur Neuzeit hatte die Verstädterung Europas die Gesellschaft von Grund auf verwandelt.
 
 Bürger und Nichtbürger — Reiche und Arme
 
Nicht jeder, der in der Stadt lebt, ist auch »Bürger« dieser Stadt. Bürger wird er durch den Eid. »Den Bürgermeistern, Schöffen und dem Rat zu Frankfurt treu und gehorsam zu sein und Beistand zu leisten und ihnen und der Stadt Frankfurt Schaden abzuwenden, ihr Bestes zu fördern und in keiner Weise gegen sie zu handeln«, schworen die Bürger der Messestadt am Main am Ende des 14. Jahrhunderts. Für ihre Pflicht, Steuern zu zahlen und die Stadt im Notfall zu verteidigen, genossen die Bürger den Schutz und den Rechtsbeistand ihrer Stadt. Es versteht sich, dass die Stadt an möglichst vermögenden Bürgern interessiert war und das Bürgerrecht an den Nachweis eines Mindestvermögens und eine nicht geringe Aufnahmegebühr knüpfte. In Frankfurt waren daher von den knapp 10000 Einwohnern nur gut ein Drittel im Besitz des Bürgerrechts. Von diesen waren im 14. Jahrhundert fast ein Viertel, um 1500 sogar über 40 Prozent »nichthäbige« Bürger, deren Vermögen unterhalb des steuerbaren Minimums lagen. In Augsburg gehörten 1475 zwei Drittel der rund 20000 Einwohner zur vermögenslosen Unterschicht der kleinen Handwerker, Tagelöhner und Bettler. Rechnet man die Bürger mit geringen Vermögen (unter 100 Gulden) hinzu, so waren es sogar über 80 Prozent der Bevölkerung, die in Armut oder doch in existenzbedrohten Verhältnissen lebten. Ihnen stand eine dünne Oberschicht gegenüber, vielleicht ein Dutzend Familien, die rund 40 Prozent des Gesamtvermögens der Stadt in ihren Händen hielten.
 
Eine wachsende Kluft zwischen der Masse der Bettelarmen und den wenigen schwerreichen Patriziern und Handelsherren bestimmte das soziale Gefüge in allen Städten. Versetzt man sich in die Mauern der spätmittelalterlichen Stadt, so drängen sich Bilder der Enge, der Not, des Elends, kaum solche der bürgerlichen Freiheit auf. In der drangvollen Enge, den lichtlosen Gassen gerade der armen Quartiere in der Stadt waren die hygienischen Zustände katastrophal. Als sich seit dem Jahresende 1347 von Genua und Marseille aus die Pest über ganz Europa ausbreitete und in vier Jahren (1348—51) von Süditalien bis Nordengland und Skandinavien rund ein Drittel der Bevölkerung (über 20 Millionen Menschen) dahinraffte, waren die Städte weit stärker betroffen als die ländlichen Gebiete. Berühmt ist die Schilderung Boccaccios vom Peststerben in Florenz 1348: Von den 90000 Einwohnern wurden vermutlich 50000 Opfer der Seuche. Das dichte Zusammenleben nivellierte mancherorts die sozialen Unterschiede im Angesicht des Schwarzen Todes: In Hamburg starben in einem Jahr 16 der 21 Ratsherren.
 
 
Der Alltag der meisten Stadtbewohner ist eingeengt durch die Bedürftigkeit ihrer Existenz. Aber auch die wohl situierten Bürger bis in die mächtigen Patrizierfamilien spüren den Zwang der Statuten und Verordnungen, ungeschriebenen Konventionen und Gewohnheiten, die ihren Alltag bis ins Kleinste regeln und tief in das Leben des Einzelnen eingreifen. Bestimmender als ein bürgerliches Freiheitsideal ist für das städtische Patriziat das Vorbild des Adels. Patrizier führen Wappen und Siegel, kleiden sich nach höfischer Mode, verheiraten ihre Töchter mit Rittersöhnen und suchen auch sonst in Lebensstil und Selbstdarstellung die Nähe zum Adel. Die Geschlechtertürme der spätmittelalterlichen Städte sind die steinernen Zeugnisse ihrer Ambitionen, wenig komfortable, zum Wohnen ungeeignete Prestigebauten, in denen patrizische Familien die Burgen des landsässigen Adels nachbildeten (auch dann noch, als dieser seine Wohnsitze zum Teil schon in bequemere Stadthäuser verlegt hatte). Eine eigene urbane Kultur hat die städtische Gesellschaft des späten Mittelalters kaum hervorgebracht, vielmehr in der bewussten, oftmals angestrengten Nachahmung adeliger Lebensformen ähnliche Merkmale der Erstarrung und ständischen Selbstabschließung entwickelt wie der feudale Adel außerhalb der Stadt.
 
Anders als die freiheitsfixierte Stadtgeschichtsforschung des 19. Jahrhunderts wird man daher heute die fortschrittlichen, gar »liberalen« Tendenzen der mittelalterlichen Stadt weniger betonen und eher ihre adelsanalogen Strukturen und quasiadligen Stilformen hervorheben. Der Gegensatz zwischen Stadt und Adel, zwischen dem Bürger und dem Ritter ist keineswegs so scharf, wie man lange Zeit unter dem Motto »Stadtluft macht frei« zu erkennen meinte. So gewiss die europäische Stadt des Mittelalters »im politischen Bereich eine Entscheidung gegen die adlige Herrschaft und für die genossenschaftliche Freiheit« war — und als solche immer wieder gewürdigt wurde —, so eindeutig war sie »im sozialen Bereich eine Entscheidung gegen die Freiheit des Individuums und für die ständische Schichtung« (Arno Borst).
 
Dr. Arnold Bühler, Frankfurt
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
kommunale Bewegung: Städte und Städtebünde auf dem Höhepunkt ihrer Macht
 
Stadt: Ihre Rolle in der europäischen Geschichte
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Gesellschaftsordnung des Mittelalters: Die geistigen Grundlagen mittelalterlicher Ordnung

Universal-Lexikon. 2012.

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